Brotlos

im Balken

Peer Boehm / Stefan Bressel / Angelika Hartmann / Kerstin Heymann / Paul Kremp /

Anne Primke / Julia Rein / Vinzent Spielmann /Hannes Steinert / Sabine Sutter

 

zur Eröffnung spielten

Kurt von SuSo + Thorsten Scheerer

Ist die Kunst ein brotloses Geschäft? 10 Künstler geben dazu ihre Statements in Form von Malerei, Zeichnung und Installation.

Seit 2003 beschäftigt sich Stefan Bressel (Frankfurt)  immer wieder mit Sujets wie Bettlerschildern, Obdachlosen und Obdachlosenbehausungen. Zitierte Aufforderungen wie etwa "Hungry Epileptic - Please Help Me If Can…" werden scheinbar nüchtern aus ihrem Kontext gelöst, freigestellt, und so einer Überprüfung auf ihren Wert als Bild oder Ornament unterzogen. Ein von Emotionen befreiter Blick auf das Ungeheuerliche wird so überhaupt erst möglich und gleichzeitig dessen Unfassbarkeit und Ambivalenz deutlich. Die entstehenden Patterns verschleiern die soziale Tragödie aus der sie stammen nicht, sie spiegeln im Kontext Kunst jedoch auch - mal ernst, mal augenzwinkernd - das Muster der generellen Situation des Künstlers in der Gesellschaft: Am Rande, migrierend, und nicht selten brotlos.

Auf den Arbeiten von Julia Rein (Stuttgart) sind Museumsaufseher bei der Arbeit zu sehen; die Kunst, die diese beschützen und bewachen, wird dagegen nicht gezeigt. Wie viele ihrer Kollegen arbeitet die Künstlerin im Museum als Aufsicht, weil eben das Künstlerleben manchmal recht brotlos ist. Ist es da nicht doppelt komisch, als Broterwerb Bilder zu bewachen?

Von Vinzent Spielmann (Frankfurt) kommt ein sehr persönliches Statement zum Thema Brotlosigkeit: Seine Collage ist zusammengesetzt aus ca. 100 Kopien des Testaments seines verstorbenen Vaters, eines Bildhauers, der zwar stolz darauf war, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat, ihm aber dennoch nichts hinterließ. 

Sabine Sutter (Mainz) dagegen setzt die Collage als Sprache im Dialog zweier Bildwelten ein: Zitate aus dem Kunstkontext treffen auf Fragmente aus Zeitschriften. Im Grenzbereich von Wand und Raum entstehen erzählerische Momente zwischen Form und Bedeutung, die in sich abgeschlossen betrachtet werden können, aber immer auch Teil des Ganzen sind.

Alles außer Brot gibt es bei Paul Kremp (Heidenheim): Seine ‚Mitbringsel’ nennen gern gesehene Gastgeschenke wie das gute Buch oder den Strauß Blumen. Seine mit Stuckatur und Lasur überzogenen Puzzles hingegen zeigen beliebte Urlaubsziele.

Im Mittelpunkt der Arbeit von Peer Boehm (Köln) stehen die verschiedenen Aspekte des Erinnerns, etwa die in unseren Köpfen selbst geschaffenen Bilder sowie deren Veränderungen und Verblassen im Laufe der Zeit. Der Künstler verwendet als Ausgangspunkt alte Familienfotos ihm fremder Personen, an die sich der Betrachter aufgrund des klassischen Motivs und der Reduktion des Bildes als persönliche Erfahrung verschwommen erinnern soll und diese vielleicht auch nachfühlen kann. In einigen Fällen erinnern die Arbeiten motivisch sowohl an die  niederländische Genremalerei als auch an die Malerei des Biedermeier.   

Hannes Steinert (Stuttgart) zitiert in seinen Radierungen und Linoldrucken Posen, die oft der Werbung entnommen sind, sich erfolgreich der Attraktivität des männlichen Körpers bedienen und an Frauen wie Männer gleichermaßen appellieren sollen. Als Diener der Kunst führt er uns sowohl künstliche Paradiese der Liebe als auch Paradiese der Kunst vor Augen, die aus der Handhabung der Techniken, der Farbgebungen und der ornamentalen Linienführung entstehen.  

Die Künstlerinnengruppe Wahlverwandt (Angelika Hartmann & Anne Primke aus Stuttgart) nimmt die deutsche Sprache als Ausgangspunkt für ihre Arbeiten, Texte in oft ungewöhnlichen formellen Zusammenhängen zu präsentieren.

Kerstin Heymanns Pflanzendarstellungen stehen als Ausdruck von Vielfalt in der Natur als auch als Übertragung auf Unterschiedlichkeiten bei menschlichen Naturellen. Das genau Betrachtete und Vergrößerte steht für sich auf schwach farbigen Baumwolluntergründen; die Kombination von Mensch und Natur in ihren Bildern unterstreicht den Wunsch nach dieser Einheit.

Im Rahmen der Vernissage gab es minimalistischen Elektropop von Kurt von SuSo und Thorsten Scheerer sowie eine Tanztheaterperformance von Zeitlust zu hören und zu sehen.

Ort: Balken Ausstellungsraum, Rebstöcker Str. 41-43/Atelier 4E, 60326 Frankfurt/Gallusviertel (ehemaliges Teves-Gelände)