Herrenlos

im Balken

Bea Emsbach / Anya Sheade / Jurga Sabaliauskiene /

Cornelia Schlothauer / Joulia Strauss / Stefanie Trojan / Julia Rein / Christine Weber

 

Eine Sache, die keinen Eigentümer hat, wird in der Rechtssprache als ‚herrenlos’ bezeichnet. Herrenlose Sachen können nicht gestohlen werden. Jedermann kann sie sich aneignen und damit Eigentum an ihr erwerben. Das Eigentum wird nicht erworben, wenn die Aneignung gesetzlich verboten ist oder wenn durch die Besitzergreifung das Aneignungsrecht eines anderen verletzt wird (§ 958 BGB). Eine bewegliche Sache wird herrenlos, wenn der Eigentümer in der Absicht, auf das Eigentum zu verzichten, den Besitz der Sache aufgibt (§ 959 BGB).

Die Kunst in dieser Ausstellung bietet vielfältigere Interpretationen der Herrenlosigkeit an als das Bürgerliche Gesetzbuch!

Bea Emsbach thematisiert in ihren Zeichnungen Schöpfungsmythen und Künstlichkeit und suggeriert die Machbarkeit neuer Körper. Die Arbeiten aus den Werkreihen ’Haushaut’ und ‚Rollenspiele’ stellen die Frage nach der optionalen Haut, dem optionalem Geschlecht, das man spielerisch-schmerzlich an- und abstreifen kann. In der Reihe ‚Nährkleid’ werden Phantasien von einer nährenden Hülle zwischen Haut und Kleidung freien Lauf gelassen.

Das inhaltliche und formale (Un-) Ordnungsprinzip der Performances von Anya Sheade zeichnet sich durch Widersprüchlichkeit und Unvorhersehbarkeit aus. Deren experimenteller und exploratorischer Charakter lässt sich nicht nur aus der Kunst, sondern auch aus der wissenschaftlichen Methodik und dem Spieltrieb herleiten.

Die neuesten Arbeiten der litauischen Künstlerin Jurga Sabaliauskiene sind Fotos realer Situationen, die einerseits als Illustrationen ihrer Gedanken stehen und andererseits auch als Hintergrund für ihre Gedichte und Briefe Verwendung finden. Sie möchte damit nicht auf ihre eigene Befindlichkeit, sondern auf die vielfältigen Bedeutungsebenen der Wirklichkeit verweisen, die wir täglich mit allen Sinnen wahrnehmen. In der Ausstellung präsentiert sie auf Stoff gedruckte Fotografien, in einigen Fällen durch handgeschriebene Texte ergänzt, als Bild der unterschiedlichen Konnotationen des Begriffes 'herrenlos'. Die Fotografien zeigen ironische und verspielte Sichtweisen auf oder lassen Traurigkeit und Schmerz erkennen; andere verweisen auf das leise Gefühl von Freiheit.

Die Installation von Cornelia Schlothauerdahinter liegt die jungfräuliche Natur’ beschäftigt sich mit der Konsistenz des verseuchten Bodens und Grundwassers vor Ort. Sie sind das Erbe der Rüstungsfabrik, die hier zur Zeit des Nationalsozialismus stand und die unter Einsatz von Zwangsarbeitern für die Eroberungszüge der Wehrmacht vor allem nach Osteuropa Munition lieferte. Jungfräulich, herrenlos, mit Begriffen wie diesen wurden in der Zeit der Kolonialisierungen Territorien bezeichnet, die noch nicht von den europäischen Eroberern unterworfen worden waren. Aktuell findet sich die zitierte Phrase bei Reiseanbietern, die damit für Expeditionen in die ‚jungfräuliche Natur’ osteuropäischer Länder wie Litauen, Rumänien oder Bulgarien werben.

Joulia Strauss’ Arbeit ‚Rückführung des Pergamonaltar’ besteht aus einem Fax,  welches die Künstlerin und der Berliner Philosoph Martin Carlé nach deren Besuch bei Joschka Fischer zuhause verfassten. Darin erläutern sie nochmals ihr Anliegen, von dem im Berliner Museum befindlichen Pergamonaltar mit Hilfe moderner Technologien eine 1: 1 Kopie anzufertigen und diese dann via Spree nach Pergamon zu senden. Die Initiatoren bemühten sich in dieser Zeit um die Erlaubnis, den ersten Computer, die ENIAC-Kriegsmaschine, als Kunstwerk am Pergamonaltar mit seinem Bildprogramm der Gigantomachie zu inszenieren.

Stefanie Trojan arbeitet nicht mit Bildern, sondern mit dem Erleben. Sie hinterfragt die Gewohnheiten der Menschen und stellt sie dem Betrachter in einer Aktion gegenüber. Dabei geht es vor allem um gesellschaftliche Verhaltensmuster, um Gewohnheiten, um Alltägliches. Wie stark werden wir von unserer Umwelt dominiert, sind wir in unserem Zeitkontext gefangen? Die Gegebenheiten eines Ortes greift sie mit auf, reagiert auf das Umfeld und die Menschen dort. Sie analysiert deren Gewohnheiten und konfrontiert sie damit in einer Performance.

Julia Rein thematisiert in ihren gemalten und gestickten Arbeiten nahe liegende Bedeutungen von ‚herrenlos’ im Sinne von streunenden Hunden und sich auf eigene Faust durchkämpfenden Kindern und Frauen. Doch werden diese Bilder ironisch gebrochen,  wenn etwa Lara Croft, die moderne Amazone, in voller Kampfmontur vor der frisch aufgehängten Wäsche steht.

Christine Weber schließlich greift in ihren Arbeiten auf Motive aus den Medien sowie auf eigene Fotografien und Filmaufnahmen zurück, welche sie in ihrer klaren, kalkulierten Umsetzung in ein eigenes Spannungsverhältnis zwischen Wirklichkeit und Fiktion transformiert. Ähnlich wie die Pop-Art Künstler monumentalisiert sie Gewohntes und Alltägliches, wobei ihre Bilder zugleich die unterschwelligen Gefahren und Aggressionspotentiale gesellschaftlicher Symbole und Rituale spürbar werden lassen.